Der Junge, der aus Liebe stahl

Der Regen fiel seit dem Morgen auf die alten Straßen der Stadt. Vor einem kleinen Imbiss stand ein Junge und sah durch das beschlagene Fenster hinein.

Lukas war zwölf Jahre alt. Seine Jacke war dünn, seine Schuhe nass, und seine Hände zitterten vor Kälte. Doch er dachte nicht an sich. Zu Hause lag seine kleine Schwester Anna unter einer Decke und tat so, als hätte sie keinen Hunger.

Aber Lukas hatte ihren leisen Magen gehört.

„Ich bringe etwas mit“, hatte er ihr versprochen.

Drinnen war es warm. Es roch nach Suppe, Brot und gebratenem Fleisch. An einem Tisch im hinteren Teil saßen mehrere streng wirkende Männer. Ihre Stimmen waren tief, ihre Gesichter hart. Lukas senkte den Blick und ging langsam an den Tischen vorbei.

Auf einem Teller lag noch ein Stück Brot und etwas Fleisch.

Er streckte die Hand aus.

Plötzlich packte ihn jemand fest am Handgelenk.

„Wolltest du stehlen?“ fragte eine raue Stimme.

Der ganze Raum wurde still.

Lukas sah auf. Vor ihm stand ein breiter Mann mit einer Narbe an der Augenbraue. Sein Blick war so streng, dass Lukas kaum atmen konnte.

„Bitte“, flüsterte der Junge. „Rufen Sie nicht die Polizei.“

Der Mann ließ ihn nicht los.

„Warum hast du das getan?“

Lukas versuchte stark zu bleiben, doch seine Stimme brach.

„Meine Schwester hat seit gestern nichts gegessen. Sie ist acht. Sie hat nur mich.“

Niemand sagte ein Wort. Selbst die Kellnerin blieb hinter der Theke stehen.

Der Mann sah den Jungen lange an. Dann lockerte er langsam seinen Griff und zog einen Stuhl zurück.

„Setz dich.“

Lukas setzte sich vorsichtig.

Kurz darauf stand eine heiße Suppe vor ihm. Dazu Brot, Hähnchen und zwei Stück Kuchen. Der Mann ließ einen Teil des Essens einpacken und gab Lukas die Tüte.

„Für deine Schwester.“

Lukas drückte die Tüte an seine Brust.

„Ich kann das nicht bezahlen.“

Der Mann steckte ihm ein paar Scheine in die Tasche.

„Nicht mit Geld.“

Lukas wurde blass.

„Womit dann?“

„Morgen kommst du nach der Schule her. Du fegst den Boden, wischst die Tische und hilfst in der Küche. Nach der Schule, verstanden? Nicht statt der Schule.“

Lukas sah ihn verwirrt an.

„Sie geben mir Arbeit?“

Der Mann antwortete ruhig:

„Ich gebe dir eine Chance. Kinder sollten kein Essen stehlen müssen, um zu überleben.“

Viele Jahre später war aus dem alten Imbiss ein helles Familienrestaurant geworden. Neben der Tür hing ein Schild: „Kostenlose Mahlzeiten für Kinder in Not.“

Lukas stand davor, erwachsen und ruhig. Neben ihm lächelte Anna, gesund und stark.

Am Fenster saß derselbe Mann, älter geworden, aber mit demselben Blick.

In jener Nacht hatte er keinen Dieb bestraft.

Er hatte einem Kind eine Zukunft gegeben.

Share to friends
Rating
( No ratings yet )
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: