An einem kalten, regnerischen Abend in Paris wollte Madame Renard gerade ihren kleinen Imbissstand schließen, als ein kleiner Junge schüchtern an den Tresen trat.
Seine Kleidung war abgetragen, seine Haare vom Regen durchnässt, und in seiner Hand lagen nur ein paar Münzen.
„Madame … könnte ich etwas zu essen bekommen? Mehr habe ich nicht.“
Madame Renard sah auf die Münzen und dann in das blasse Gesicht des Jungen.
Behutsam schloss sie seine Finger wieder um das Geld.
„Behalte es.“
Dann füllte sie eine große Papiertüte mit heißer Suppe, Brot, Fleisch und ein paar Gebäckstücken.
Der Junge sah sie ungläubig an.
„Warum machen Sie das für mich?“
Madame Renard lächelte.
„Versprich mir nur eine Sache. Wenn du eines Tages jemandem helfen kannst, dann tu es.“
Der Junge drückte die Tüte fest an seine Brust.
„Ich verspreche es.“
Dann verschwand er im Regen.
Fünfzehn Jahre vergingen.
Das Viertel veränderte sich. Die Mieten stiegen, alte Geschäfte verschwanden und Madame Renard hatte immer weniger Kunden.
Schließlich verlor sie fast alles.
Eines Abends stand sie weinend vor ihrem geschlossenen Imbissstand, während Arbeiter das Schild abnahmen, das dort seit Jahrzehnten gehangen hatte.
Plötzlich hielt eine lange schwarze Luxuslimousine am Straßenrand.
Ein elegant gekleideter junger Geschäftsmann stieg aus.
In den Händen trug er einen Glasrahmen.
Darin befand sich eine alte Papiertüte, vom Alter bereits vergilbt.
Madame Renard blickte sie verwundert an.
Der junge Mann blieb vor ihr stehen.
„Sie haben mir zu essen gegeben, als sonst niemand mir helfen wollte.“
Ihr Blick wanderte von seinem Gesicht zu der alten Tüte.
Dann erinnerte sie sich.
„Der kleine Junge im Regen …“
Er lächelte.
„Ja. Das war ich. Ich heiße Julien.“
Madame Renards Augen füllten sich mit Tränen.
Julien reichte ihr eine Mappe mit dem Namen ihres Imbissstandes.
„Sie haben mir beigebracht, dass eine einzige gute Tat ein Leben verändern kann. Jetzt bin ich an der Reihe.“
Mit zitternden Händen öffnete sie die Mappe.
Darin lagen Unterlagen, die zeigten, dass Julien den Imbissstand zurückgekauft, sämtliche Schulden bezahlt, alle Genehmigungen erneuert und zusätzlich einen Fonds für die zukünftigen Kosten eingerichtet hatte.
Madame Renard hielt sich die Hand vor den Mund.
„Du hast … meinen Stand zurückgekauft?“
Julien nickte.
„Und ich habe ihn renovieren lassen. Er gehört wieder Ihnen.“
„Aber warum hast du all das für mich getan?“
Julien sah auf die alte Papiertüte im Glasrahmen.
„Weil Sie mich damals, als ich ein hungriger Junge ohne irgendetwas war, so behandelt haben, als wäre mein Leben etwas wert. Ich habe Ihre Worte nie vergessen.“
Ein paar Wochen später öffnete der kleine Imbissstand wieder.
Über dem Tresen hing die gerahmte Papiertüte, die Julien fünfzehn Jahre lang aufbewahrt hatte.
Darunter befand sich eine kleine Tafel mit einem Satz:
„Güte findet immer den Weg zurück zu dem Menschen, der sie verschenkt hat.“